Er muss ein Mann von wahrem Schneid gewesen sein. Zu gerne wäre Wilhelm Voigt zum Militär gegangen, doch die Lebensumstände wollten es anders: Er landete mehrfach im Gefängnis, weil er seine Situation durch Diebstähle aufzubessern suchte. Danach wollte ihn keiner mehr haben, wohin er auch kam, wurde ihm der Aufenthalt untersagt, auch in Berlin, wo er Unterschlupf bei seiner Schwester gesucht hatte. Das war 1906, zu einer Zeit, als das Militär noch allerhöchsten Respekt einflößte. Für seinen nächsten Raubzug besorgte sich Wilhelm Voigt also die Uniform eines Hauptmanns des 1. Garderegiments – einer Einheit, die als Leibregiment direkt dem Befehl des Kaisers unterstellt war –, rekrutierte ein paar Soldaten, fuhr mit dem Vorortzug nach Köpenick und ließ dort das Rathaus besetzen. Er beschlagnahmte die Kasse, für die er bürokratisch korrekt eine Quittung ausstellte, und zog wieder ab. Vielleicht wäre er davongekommen, hätte ihn ein ehemaliger Zellengenosse nicht verraten. Sein Coup schlug nicht nur in Deutschland hohe Wellen der Belustigung und Schadenfreude. Der Hauptmann von Köpenick – diesen Spitznamen hatte Voigt nun weg – wurde nur zu einer vergleichsweise milden Strafe verurteilt und vom Kaiser frühzeitig begnadigt. Danach war er ein Medienstar, der es sogar zu einem kleinen Reichtum brachte. Sein Leben hielt er in einer Autobiografie fest, die wohl mehr Fama als Erinnerung ist. Doch das Schicksal meinte es nicht gut mit Wilhelm Voigt. Mit der Inflation verlor er alles; nach seinem Tod reichte es nur für ein Armengrab. Seine Geschichte machte andere reich – wurde sie doch in Literatur, Theater und Film verschiedentlich verarbeitet.

Das Denkmal des Hauptmanns von Köpenick schuf der Armenier Spartak Babajan, der den 1996 vom Bezirk Köpenick ausgeschriebenen Wettbewerb für sich entscheiden konnte. Seine von der Gießerei Seiler in Bronze umgesetzte Figur steht an der Treppe zum Eingang des Rathauses Köpenick. Wer mag, kann dem Hauptmann nun ganz despektierlich die Hand schütteln.

Florian Martens

Der Sprecher: Florian Martens, am 27. Dezember 1958 in Berlin geboren, stammt aus einer Schauspielerfamilie, auch seine Eltern gingen diesem Beruf nach. Nach einer Ausbildung zum Baumaschinisten erlernte er an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch sein Handwerk. 1990 erhielt er ein festes Engagement an der Volksbühne. Er hatte Auftritte in verschiedenen Serien und Filmen, seit 1994 spielt er einen Kriminalbeamten in „Ein starkes Team“. Für seine Rolle als Verteidiger in dem Krimi „Freier Fall“ wurde er 1998 mit einem Adolf-Grimme-Preis in Gold ausgezeichnet. Für die Aufnahmen des Hauptmanns von Köpenick tauscht er seine Paraderolle des Polizisten mit der eines Kriminellen.